Winterreifenpflicht
Die Winterreifenpflicht in Deutschland hängt am Wetter, nicht am Kalender: Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte brauchst du Reifen mit Alpine-Symbol. Wir erklären § 2 Abs. 3a StVO, die Bußgelder 2026, die Ausnahmen und die Regeln in Österreich, der Schweiz und Italien.
Von Lena Brandt, fachlich geprüft von Tobias Rehm. Stand Oktober 2026.

Die Winterreifenpflicht kennt in Deutschland keinen Kalendertag, aber sie kennt solche Morgen: Ein Sprinter mit Sommerreifen steht quer an der Auffahrt zur A14 bei Leipzig, Warnblinker an, dahinter sechs Autos im Berufsverkehr. Lena Brandt saß an einem Januarmorgen in der dritten Reihe und kam 40 Minuten zu spät in die Redaktion. Der Fahrer musste mit 80 Euro und einem Punkt rechnen, denn die Behinderung anderer kostet 20 Euro mehr als der Grundtatbestand. Der Fall zeigt in Kurzform, wie die Regel funktioniert: Sie fragt nicht nach dem Monat, sondern nach der Straße.
Winterreifenpflicht in Deutschland: was § 2 Abs. 3a StVO verlangt
Nach § 2 Abs. 3a StVO darf ein Kraftfahrzeug bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte nur fahren, wenn alle Räder mit Reifen ausgerüstet sind, die die Anforderungen aus § 36 Abs. 4 StVZO erfüllen. In der Praxis heißt das: Reifen mit Alpine-Symbol, an allen vier Rädern.
Ein Stichtag steht nirgends im Gesetz. Die bekannte „O bis O“-Regel, von Oktober bis Ostern, ist eine Faustregel aus der Werkstatt, kein Rechtssatz. Wer im Januar bei Plusgraden und trockener Straße mit Sommerreifen fährt, begeht keinen Verstoß. Wer um sechs Uhr morgens auf eine Brücke mit Reifglätte fährt, schon. Genau deshalb wechseln Profis früh und nicht erst nach dem ersten Schnee.
„Es gibt keinen Stichtag, es gibt nur die Straße. Ich wechsle im Oktober, weil ich im November nicht auf die erste Glätte warten will.“
Tobias Rehm, Kfz-Techniker und Reifenfachverkäufer
Die Pflicht gilt für alle Räder und für jede Fahrt, bei der Glätte oder Schnee herrscht. Mischen kannst du nur Winterreifen mit Ganzjahresreifen, und nur wenn beide das Flockensymbol tragen. Sommerreifen an einer Achse und Winterreifen an der anderen genügen bei winterlichen Verhältnissen nicht. Anhänger nennt der Paragraf nicht, die Pflicht betrifft das Kraftfahrzeug.
Ein Gesetzesminimum für das Profil, das über die 1,6 Millimeter aus § 36 StVZO hinausgeht, gibt es für Winterreifen nicht. Die Empfehlung der Praxis liegt bei 4 Millimetern, und das aus gutem Grund: Auf Schnee greift mehr Profil spürbar besser, weil die Rillen Schnee aufnehmen und sich der Reifen damit auf dem Schnee der Straße festkrallt. Ob dein Satz noch passt, zeigt der Winterreifen-Check in fünf Fragen. Vor dem Wechsel prüfst du ohnehin vier Punkte: ob jeder der vier Reifen die Flocke trägt, ob das Profil über den empfohlenen 4 Millimetern liegt, ob der Satz jünger als sechs Jahre ist und ob die Größe zu den Papieren passt. Fällt eine Antwort negativ aus, kostet der Besuch beim Händler weniger als jede Kontrolle.
Kontrolliert wird die Pflicht selten im Vorbeifahren. Meist fällt sie auf, wenn ein Wagen liegen bleibt, andere behindert oder in einen Unfall verwickelt ist. Dann liest der Beamte die Flanke, und was dort steht, entscheidet über 60 oder 120 Euro. Wer die Flocke hat, hat in diesem Moment nichts mehr zu erklären.
Das Alpine-Symbol: warum M+S nicht mehr reicht
Das Alpine-Symbol ist ein Piktogramm mit drei Berggipfeln und einer Schneeflocke in der Mitte, international als 3PMSF bekannt. Es steht auf der Flanke und weist nach, dass der Reifen einen genormten Schneetest bestanden hat, also mehr kann als eine Mischung mit etwas Profil und dem Kürzel M+S. Seit dem 1. Januar 2018 müssen neu produzierte Winter- und Ganzjahresreifen dieses Zeichen tragen, um als Winterreifen zu gelten. Reifen, die nur mit der M+S-Kennzeichnung versehen und bis Ende 2017 gefertigt wurden, durften bis zum 30. September 2024 weiter genutzt werden. Dieser Übergang ist vorbei.
Das bedeutet für deinen Satz: Seit dem 1. Oktober 2024 reicht M+S allein bei Schnee und Glätte nicht mehr. Wo das Produktionsdatum liegt, verrät die DOT-Angabe an der Flanke. Alles mit einem Datum bis Ende 2017 und ohne Flocke bleibt im Winter im Keller. Bei einem so alten Satz stellt sich ohnehin eine andere Frage: Ab dem sechsten Jahr empfiehlt sich eine Prüfung, nach etwa zehn Jahren der Austausch, unabhängig vom Profil.
Ganzjahresreifen sind in der Pflicht nicht schlechter gestellt als Winterreifen, sofern sie das Symbol tragen. Ein Ganzjahresreifen ohne Flocke zählt im Winter wie ein Sommerreifen. Wie gut ein Ganzjahresreifen bei Schnee wirklich ist, regelt das Gesetz nicht, dort entscheidet der Test. Was ein Satz Winterreifen mit Montage kostet, rechnet die Rubrik Kosten für jede Größe durch.
Wann du wechseln solltest: Praxis statt Kalender
Weil das Gesetz kein Datum nennt, bleibt dir die Praxis. Die verbreitete Faustregel der Reifenbranche lautet: Sobald die Temperaturen dauerhaft unter etwa 7 Grad Celsius fallen, spielt der Winterreifen seine weichere Mischung aus, auch auf nasser, schneefreier Straße. Frühmorgens liegt die Temperatur oft deutlich unter dem Tageswert, und Brücken kühlen schneller aus als Landstraßen. Wer in Sachsen auf dem Land pendelt, fährt mit dem Wechsel im Oktober sicherer als mit dem Wechsel im November.
Beim Wechsel prüfst du auch den Luftdruck, denn Kälte senkt ihn, ungefähr um 0,1 bar je 10 Grad Temperaturabfall, und der erste Frost holt das Versäumte nach. Terminlich ist Oktober der Monat, in dem Werkstätten noch Luft haben. Mit dem ersten Frost füllen sich die Kalender. Wer im Oktober wechselt, zahlt dasselbe wie im November, steht aber nicht stundenlang in der Schlange. Wie der Wechsel zu bezahlen ist und was er kostet, steht in Was Reifen kosten.
Diese Fälle kommen im Alltag am häufigsten vor:
- Sommerreifen im Januar, 8 Grad, trockene Straße: erlaubt, solange keine Glätte herrscht.
- Sommerreifen, Reifglätte auf der Brücke: Verstoß, auch wenn die Landstraße danach frei ist.
- Ganzjahresreifen mit nur M+S und DOT 2016: seit dem 1. Oktober 2024 bei Schnee und Glätte nicht mehr zulässig.
- Ganzjahresreifen mit Flocke und 3 Millimetern Profil: erlaubt, aber unter der Empfehlung von 4 Millimetern.
- Motorrad mit Straßenreifen: von der Pflicht ausgenommen.
- Wohnmobil bis 3,5 Tonnen mit Sommerreifen im Dezember: Verstoß, sobald Schnee oder Glätte da ist.
Bußgelder bei Verstößen gegen die Winterreifenpflicht 2026
Die Beträge richten sich nach dem Bußgeldkatalog (BKatV), Nr. 5a für den Fahrer und Nr. 213a für den Halter. Jeder Verstoß bringt einen Punkt, und zwar einen je Verstoß, nicht je Reifen.
| Situation | Bußgeld | Punkte |
|---|---|---|
| Fahrt bei Glätte oder Schnee ohne passende Reifen | 60 € | 1 |
| dieselbe Fahrt mit Behinderung anderer | 80 € | 1 |
| dieselbe Fahrt mit Gefährdung anderer | 100 € | 1 |
| dieselbe Fahrt mit Unfall | 120 € | 1 |
Der Halter, der die Fahrt anordnet oder zulässt, zahlt zusätzlich 75 Euro. Das trifft vor allem Firmen und Familien mit mehreren Fahrern: Wenn du deinen Wagen mit Sommerreifen im Dezember an die Tochter gibst, bist du als Halter mit im Boot. Fahrer und Halter erhalten getrennte Bescheide, wenn es zwei verschiedene Personen sind. Einen kompletten Überblick über alle Beträge rund um Reifen, auch bei Profil und Papieren, liefert Bußgelder rund um Reifen.
Das Bußgeld ist selten das Teuerste an der Sache. Der Bescheid kostet zusätzlich Gebühren und Auslagen, in der Regel mindestens 25 Euro Verfahrensgebühr und 3,50 Euro Zustellkosten, aus 60 Euro werden dann 88,50 Euro. Teuer wird es bei einem Unfall: Mit Sommerreifen auf Schnee kann der Versicherer die Leistung kürzen oder dir eine Mitschuld anrechnen. Ob und wie stark, hängt vom Einzelfall ab, aber ein Fahrer, der die Pflicht kannte und trotzdem losfuhr, hat vor Gericht kaum gute Argumente.
Ausnahmen von der Winterreifenpflicht
Der Paragraf nimmt bestimmte Fahrzeuge aus. Dazu gehören Nutzfahrzeuge der Land- und Forstwirtschaft, einspurige Kraftfahrzeuge, also Motorräder und Roller, Stapler, motorisierte Krankenfahrstühle, bestimmte Einsatzfahrzeuge der Hilfsorganisationen und Spezialfahrzeuge, für die es bauartbedingt keine passenden Reifen gibt. Für Lkw und Busse der Klassen M2, M3, N2 und N3 gilt eine abgespeckte Regel: Es genügt, wenn die dauerhaft angetriebenen Achsen und die vorderen Lenkachsen die richtigen Reifen tragen.
Für den normalen Pkw im Alltag gibt es keine Ausnahme. Auch die kurze Fahrt zum Supermarkt fällt unter die Pflicht, sobald Glätte herrscht.
Schneeketten sind in Deutschland nur dort Pflicht, wo das Verkehrszeichen 268 steht. Die Winterreifenpflicht aus § 2 Abs. 3a StVO erwähnt sie nicht. Ob Ketten auf Sommerreifen die Pflicht erfüllen, bleibt damit offen, und auf diese Auslegung würden wir uns nicht verlassen. Was ein Prüfer an Winterreifen sieht, steht in Reifen bei der Hauptuntersuchung.
Winterreifenpflicht im Ausland: Österreich, Schweiz, Italien
Wer im Winter in die Berge fährt, wechselt die Rechtsordnung mit der Grenze. Die Angaben der folgenden Tabelle stammen vom ADAC (Stand 27. Oktober 2026, alle Angaben ohne Gewähr). Prüfe vor der Abfahrt, ob sie noch aktuell sind.
| Land | Zeitraum und Geltung | Profil | Strafe |
|---|---|---|---|
| Österreich | 1. November bis 15. April, nur bei winterlichen Straßenverhältnissen | mindestens 4 mm (Radial), 5 mm (Diagonal) | rund 100 €, in Einzelfällen laut ADAC bis zu 5.000 €, bei Gefährdung anderer bis zu 10.000 € |
| Schweiz | keine gesetzliche Pflicht | gesetzlich 1,6 mm, 4 mm empfohlen | keine feste Summe, bei Behinderung oder Unfall drohen rechtliche und versicherungsrechtliche Folgen |
| Italien | von Provinz zu Provinz verschieden: Bozen und Brennerautobahn bis Affi 15. November bis 15. April, Aostatal 15. Oktober bis 15. April, übriges Südtirol nur situativ | keine Angabe | 42 bis 345 € |
In Österreich ersetzen Schneeketten an den Antriebsrädern die Winterreifen, wenn die Straße durchgehend oder fast durchgehend mit Schnee oder Eis bedeckt ist. Wo das Schild „Schneeketten vorgeschrieben“ steht, müssen es Stahlketten sein. In der Schweiz ordnen Schilder auf einzelnen Strecken die Kettenpflicht an. In Italien gilt bei angeordneter Kettenpflicht ein Tempolimit von 50 km/h, im Aostatal sind alternativ Ketten auf Sommerreifen erlaubt.
Beim Mietwagen im Ausland fragst du bei der Buchung nach Winterreifen und Ketten, denn die Ausstattung schwankt je nach Station. Für den Skiurlaub reicht die Faustformel: Alpine-Symbol an allen vier Rädern, mindestens 4 Millimeter Profil, Ketten im Kofferraum, die du vorher einmal zu Hause angelegt hast. Wer Ketten zum ersten Mal im Schneegestöber am Pass montiert, tut das meist nur ein einziges Mal.
Alle Regeln und Strafen im Zusammenhang sammelt die Rubrik Reifen und Recht. Wer das Thema grundsätzlich einordnen will, startet bei Reifen und arbeitet sich über die Rubriken vor.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- § 2 Abs. 3a StVO (situative Winterreifenpflicht)
- § 36 Abs. 4 StVZO (Anforderungen an Winterreifen) und Bußgeldkatalog-Verordnung, Nr. 5a und 213a
- ADAC: Winterreifen- und Schneeketten-Pflicht in europäischen Ländern (Stand 27.10.2026)