Reifen bei der Hauptuntersuchung
Reifen bei der Hauptuntersuchung lassen sich vor dem Termin in zehn Minuten selbst prüfen, und werden laut TÜV-Verband trotzdem häufig beanstandet. Wir zeigen, was der Prüfer an Profil, Flanke, Größe und Druckkontrolle sieht, wie er Mängel einstuft und was du vorher klären kannst.
Von Lena Brandt, fachlich geprüft von Tobias Rehm. Stand Oktober 2026.

Henrik Sawade, Prüfingenieur an einer Prüfstelle in Leipzig, erinnert sich an einen acht Jahre alten Kompakten, dessen Halter die Reifen für tadellos hielt: vier Stück, 5 Millimeter Profil. Sawade fuhr mit der Handfläche über die Flanke und blieb an feinen Rissen hängen. Reifen bei der Hauptuntersuchung beurteilt er mit den Händen mindestens so sehr wie mit dem Profilmesser. Der Wagen bekam keine Plakette, die Reifen kamen runter, und der Halter fuhr mit einem neuen Satz und einem Termin zur Nachprüfung nach Hause. Das Profil war in Ordnung gewesen. Das Alter war es nicht.
Reifen bei der Hauptuntersuchung: was der Prüfer sieht
Bei der Hauptuntersuchung nach § 29 StVZO steht dein Auto auf der Hebebühne oder über der Grube, und der Prüfer geht jedes Rad ab: Lauffläche, beide Flanken, die Innenseite, soweit er sie einsehen kann, dazu Felge, Radmuttern und die Freigängigkeit im Radhaus. Er misst die Profiltiefe, vergleicht die Reifengröße mit den Eintragungen und beobachtet bei Autos mit Reifendruckkontrollsystem die Warnleuchte. Für Pkw liegt die erste Hauptuntersuchung bei 36 Monaten nach der Erstzulassung, danach alle 24 Monate.
Der TÜV-Verband nennt in seiner Sonderauswertung des TÜV-Reports 2026 (veröffentlicht am 9. Februar 2026, Grundlage rund 9,5 Millionen Hauptuntersuchungen) die häufigsten Beanstandungen an Reifen. Prozentzahlen weist die Veröffentlichung dafür nicht aus, die Gründe schon:
- Beulen in der Flanke oder der Lauffläche
- Alterungsrisse
- Schäden durch Fremdkörper
- zu geringe Profiltiefe
- unzulässige Reifengrößen
- Mischbereifung
Wie schwer ein Befund wiegt, entscheidet die Mängelklasse. Die Beschreibung von TÜV Rheinland kennt vier, und der Prüfer ordnet im Einzelfall zu.
| Mängelklasse | Plakette | Folge | Reifen-Beispiel (Einschätzung beim Prüfer) |
|---|---|---|---|
| ohne Mängel (OM) | ja | keine | Profil, Flanken, Größe und RDKS in Ordnung |
| geringe Mängel (GM) | ja | du behebst sie unverzüglich | Kleinigkeiten, die der Prüfer vermerkt |
| erhebliche Mängel (EM) | nein | Nachprüfung innerhalb eines Monats | zu wenig Profil, nicht funktionierendes RDKS |
| gefährliche Mängel (VU) | nein, bei unmittelbarer Gefahr wird die alte Plakette entfernt | Weiterfahrt nur zur Werkstatt oder nach Hause | Reifen mit sichtbarem Gewebe oder Beule |
Wer die Monatsfrist verstreichen lässt, muss die komplette Hauptuntersuchung wiederholen. Bei der Nachprüfung selbst schaut der Prüfer nur auf die beanstandeten Punkte, und das ist die günstige Variante.
Profil, Alter und Beschädigungen: wo Reifen durchfallen
Gesetzlich gilt für Pkw-Reifen eine Profiltiefe von mindestens 1,6 Millimetern (§ 36 Abs. 2 StVZO), gemessen in den Hauptprofilrillen. Das ist die Untergrenze, bei der der Prüfer den Mangel einträgt. In der Praxis wechselst du früher: Die Empfehlung liegt bei 3 Millimetern für Sommerreifen und 4 Millimetern für Winterreifen, weil die Nasshaftung schon vorher einbricht. Sawade drückt es knapper aus, wie im Zitat weiter unten.
Beim Alter gibt es für Pkw keine gesetzliche Grenze. Ein unbeschädigter Reifen darf rechtlich auch deutlich älter als zehn Jahre sein. Der Prüfer erkennt Alterung an Rissen im Gummi, an Porosität und an einer verhärteten Flanke. Ungleiche Abnutzung innen und außen deutet auf Spur- oder Sturzfehler hin, und der Prüfer liest sie am Profilbild ab. Als Faustregel gilt: Ab dem sechsten Jahr prüfen lassen, nach etwa zehn Jahren austauschen. Eine harte Grenze existiert nur bei Anhängern, die mit 100 km/h fahren: Ihre Reifen dürfen nach der 9. Ausnahmeverordnung zur StVO höchstens sechs Jahre alt sein. Wie alt dein Satz ist, rechnet der Reifenalter-Rechner aus der DOT-Nummer aus.
Bei Beschädigungen kommt es auf die Stelle an. Ein Nagel in der Lauffläche lässt sich reparieren, wenn das Loch höchstens 6 Millimeter misst. Alles an der Flanke bedeutet Austausch, ebenso Beulen, Schnitte mit sichtbarem Gewebe und Risse, die tiefer als die Oberfläche reichen. Wie du solche Schäden erkennst, bevor es der Prüfer tut, zeigt Reifenschaden erkennen. Eine verbogene Felge oder ein beschädigtes Felgenhorn fällt ebenfalls auf, denn dort sitzt der Reifen nicht mehr dicht.
„Das Profil sehe ich mit dem Messer. Die Risse sehe ich nur, wenn ich die Flanke ins Licht drehe. Wer bei 1,6 Millimetern wechselt, fährt die letzten tausend Kilometer auf Glück.“
Henrik Sawade, Prüfingenieur
Eintragungen und Mischbereifung: die Papierseite
Die Größe auf der Flanke muss zu den Papieren passen. In der Zulassungsbescheinigung Teil I stehen unter den Feldern 15.1 und 15.2 die Reifengrößen für Vorder- und Hinterachse mit Last- und Geschwindigkeitsindex. Weitere zulässige Größen findest du im Certificate of Conformity (CoC). Abweichende Größen müssen von der Typgenehmigung gedeckt oder nachträglich von einer Prüforganisation eingetragen sein. Ohne diese Deckung kann die Betriebserlaubnis erlöschen, und der Prüfer trägt die Größe als Mangel ein.
Beim Winterreifen gibt es eine Ausnahme: Er darf einen niedrigeren Geschwindigkeitsindex haben, als in den Papieren steht, solange im Blickfeld des Fahrers ein Hinweis auf die zulässige Höchstgeschwindigkeit klebt.
Bei der Mischbereifung ziehen die Prüfer klare Linien. Radial- und Diagonalreifen dürfen an einem Pkw nicht gemischt werden. Auf einer Achse sind gleiche Größen vorgeschrieben. Unterschiedliche Größen vorn und hinten sind nur erlaubt, wenn sie in den Papieren stehen. Reifen verschiedener Hersteller auf derselben Achse sind erlaubt, aber selten klug, weil sich Bremsverhalten und Nasshaftung unterscheiden. Ob eine Mischung aus Sommer- und Winterreifen zulässig ist, hängt am Wetter: Bei Glätte müssen alle Räder die Flocke tragen, wie die Winterreifenpflicht im Detail regelt.
Bei tiefergelegten Autos und breiten Felgen kommt die Freigängigkeit dazu. Schleift der Reifen beim Einfedern am Radhaus, passt die Kombination nicht, auch wenn die Größe eingetragen ist. Bei Zubehörfelgen gehört außerdem das Gutachten ins Handschuhfach, weil der Prüfer die Verbindung aus Felge und Reifen nachvollziehen muss.
Der Fahrplan vor dem Termin
Die Hauptuntersuchung ist planbar. Wenn du vier Wochen vorher anfängst, bleibt Luft für einen Reifenkauf und für die Terminsuche beim Händler. Die Reihenfolge, die sich in der Werkstatt bewährt:
- Etwa vier Wochen vorher misst du das Profil an allen vier Rädern, auch innen. Ungleichmäßiger Verschleiß fällt dort zuerst auf.
- Danach liest du die DOT-Nummer ab. Ist der Satz älter als sechs Jahre, prüfst du die Flanken besonders genau.
- Zwei Wochen vorher klärst du RDKS-Leuchte und Sensoren. Eine Leuchte, die nach einem Radwechsel noch brennt, gehört in die Werkstatt.
- Am Vortag bringst du den Reifendruck auf den Wert aus dem Türrahmen und legst Zulassungsbescheinigung Teil I und gegebenenfalls Gutachten bereit.
Wer so vorgeht, wird bei der Hauptuntersuchung selten von Reifen überrascht. Falls doch, läuft die Monatsfrist, und das ist die schlechteste Lage für einen Reifenkauf. Unter Zeitdruck nimmst du den Satz, den der Händler gerade am Lager hat, und der ist selten der günstigste. Ein Satz Markenreifen in 205/55 R16 liegt 2026 bei grob 280 bis 540 Euro; wer das Profil schon vor dem Termin kennt, kann in Ruhe vergleichen.
Auch die Radbefestigung gehört zur Sichtprüfung. Fehlende oder lockere Radmuttern und beschädigte Bolzen fallen dem Prüfer sofort auf, und sie entstehen meist nach einem Radwechsel, bei dem niemand nachgezogen hat. Nach 50 bis 100 Kilometern gehört der Drehmomentschlüssel noch einmal an jede Schraube.
RDKS-Fehler bei der Hauptuntersuchung
Seit dem 1. November 2014 ist das RDKS für neu zugelassene Pkw Pflicht. Nach Auskunft von TÜV Rheinland ist ein serienmäßig eingetragenes RDKS, das bei der Hauptuntersuchung nicht funktioniert, ein erheblicher Mangel. Das Fahrzeug bekommt dann keine Plakette. Die Warnleuchte beobachtet der Prüfer beim Einschalten der Zündung.
Die häufigsten Ursachen sind banal: eine leere Batterie im Sensor, ein nach dem Radwechsel nicht angelernter Satz oder ein Sensor, den der Monteur beim Reifenwechsel beschädigt hat. Das Anlernen kostet beim Direktsystem meist 20 bis 50 Euro, ein neuer Sensor mit Einbau 60 bis 120 Euro pro Rad. Prüf das System vor dem Termin und nicht erst am Tag der Prüfung, denn dann bleibt Zeit, Angebote zu vergleichen.
Wer mit einem Mangel an den Reifen weiterfährt, riskiert obendrein ein Bußgeld. Welche Beträge das sind, steht in Bußgelder rund um Reifen. Die Übersicht aller Themen rund ums Recht findest du in der Rubrik Reifen und Recht, und der Einstieg in das ganze Magazin liegt bei Reifen.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- § 29 StVZO mit Anlage VIII (Hauptuntersuchung, Mängelklassen)
- § 36 Abs. 2 StVZO (Mindestprofiltiefe 1,6 mm)
- TÜV Rheinland: Beschreibung der vier HU-Mängelklassen
- TÜV-Verband, TÜV-Report 2026, Sonderauswertung vom 9.2.2026 (rund 9,5 Millionen Hauptuntersuchungen)