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Reifenschaden erkennen

Einen Reifenschaden erkennen heißt, in fünf Minuten einmal ums Auto zu gehen und genau hinzusehen. Wir zeigen dir, woran du Beulen, Risse und Fremdkörper erkennst, wann eine Reparatur erlaubt ist und warum die Flanke nie repariert wird.

Von Lena Brandt, fachlich geprüft von Tobias Rehm. Stand Oktober 2026.

Reifenschaden erkennen

Im Redaktionspostfach landete im September das Foto einer Leserin: ein 205/55 R16, an der Innenflanke eine Beule, so groß wie eine Walnuss. Ob man da nicht einfach etwas Luft ablassen könne, fragte sie. Lena Brandt rief sie an und bat sie, den Wagen stehen zu lassen. Der Händler vor Ort fand Cordbruch nach einem Bordsteinkontakt drei Wochen zuvor. Die Leserin hatte den Schlag damals kaum gespürt und an einen Reifenschaden nicht gedacht. Eine Reparatur war ausgeschlossen. Bis der neue Reifen kam, blieb das Auto zwei Tage in der Garage.

Schäden an Reifen kündigen sich selten mit einem Knall an. Meist sind es eine Beule, ein feiner Riss oder ein Stück Metall in der Lauffläche, die wochenlang unbemerkt bleiben, bis der Reifen plötzlich Luft verliert.

Reifenschaden erkennen: Der Rundgang in fünf Minuten

Um einen Reifenschaden zu erkennen, gehst du einmal um das Auto und prüfst Flanken, Lauffläche, Profil und Druck. Lenk dafür die Vorderräder voll ein, dann siehst du auch die Innenflanke. Das dauert fünf Minuten und gehört vor jede lange Fahrt.

  1. Vorderräder voll einschlagen, Innenflanke ansehen.
  2. Mit der flachen Hand über die Flanke streichen, denn eine Beule spürst du früher, als du sie siehst.
  3. Das Rad ein Stück weiterrollen lassen und die Lauffläche rundum absuchen.
  4. Rillen nach Steinen, Glas, Nägeln und Schrauben ansehen.
  5. Profil an drei Stellen messen: innen, Mitte, außen.
  6. Luftdruck kalt prüfen und das Alter an der DOT-Nummer ablesen.

Diese Liste ersetzt die Werkstatt nicht, sie zeigt dir nur, was du ohne Hebebühne sehen kannst. Das ist erstaunlich viel, vor allem wenn du das Profil mitliest: Ist die Innenschulter weggeschliffen, stimmt oft die Spur oder der Sturz nicht. Läuft die Mitte schneller ab als die Ränder, war der Druck zu hoch. Sind beide Schultern abgefahren, fuhr der Reifen zu lange mit zu wenig Luft. Wer das einmal gesehen hat, liest jeden Reifen anders.

Beule in der Flanke: das Warnsignal Nummer eins

Eine Beule in der Seitenwand zeigt, dass im Inneren der Karkasse Cordfäden gerissen sind. Der Innendruck drückt dann das Gummi nach außen, und die Stelle trägt nichts mehr. Continental nennt die Beule ein Anzeichen für beschädigte Cordfäden, und in der Praxis heißt das: Reifen runter.

Typische Auslöser sind ein Bordstein bei zu schnellem Einparken, ein Schlagloch oder eine Kante bei Baustellen. Die Beule zeigt sich nicht immer sofort, manchmal erst nach einigen Tagen. Das Risiko ist ein Platzer, und der kommt gern bei Tempo auf der Autobahn. Eine Beule in der Lauffläche, die sich als Flattern im Lenkrad bemerkbar macht, erklärt Reifen vibrieren: Lenkrad flattert.

„Eine Beule bekommt von mir keinen Termin, sondern einen Anruf: Fahr nicht mehr. Der Reifen sieht harmlos aus, bis er es nicht mehr ist.“

Tobias Rehm, Kfz-Techniker und technischer Berater der Redaktion

Risse: Alter oder Verletzung

Nicht jeder Riss ist ein Unfallschaden. Feine Haarrisse im Profilgrund oder an der Flanke sind meist Alterungsrisse, entstanden durch UV, Ozon und Jahre im Freien. Tiefe Schnitte, besonders solche, in denen Cordfäden sichtbar werden, sind dagegen eine Verletzung und verlangen den sofortigen Tausch.

Das Alter prüfst du an der DOT-Nummer. Ab sechs Jahren solltest du den Reifen jährlich kontrollieren lassen, nach etwa zehn Jahren ersetzt du ihn auch bei gutem Profil. Der Reifenalter-Rechner übersetzt die vier Ziffern in ein Datum. Bei der Hauptuntersuchung zählt das ebenfalls. Laut TÜV-Verband stehen Beulen, Alterungsrisse und Fremdkörperschäden auf der Mängelliste, ein beschädigter Reifen kann sogar als verkehrsunsicher gelten und die Plakette kosten. Worauf die Prüfer sonst noch achten, steht unter Reifen TÜV.

Fremdkörper: Nagel, Schraube, Glas

Steckt ein Nagel im Reifen, bleibt er drin. Er dichtet das Loch teilweise ab, und beim Herausziehen entweicht die Luft schlagartig. Prüf den Druck, pump bei Bedarf auf und fahr mit moderatem Tempo in die Werkstatt. Geht der Druck schnell zurück, gilt der Ablauf bei einer Reifenpanne. Bleibt er stabil, ist der Schaden vermutlich klein.

Vorsicht bei Dichtmittel: Wer sein Pannenset eingesetzt hat, kann den Reifen nicht mehr reparieren lassen. Der ADAC sagt klar, dass ein mit Dichtmittel behandelter Reifen nicht mehr repariert werden darf. Bei Autos mit Sensoren im Rad kann das Mittel obendrein die Elektronik verkleben.

Reparatur erlaubt oder nicht: die Regeln

Bei der Reifenreparatur gilt eine einfache Linie: Nur die Lauffläche darf repariert werden, und nur bis zu einer Größe. Die Richtlinie für die Instandsetzung von Luftreifen (Bundesverkehrsblatt B 3620) erlaubt Stichverletzungen bis höchstens 6 mm Schadensausdehnung, repariert mit einem Kombireparaturkörper, dem sogenannten Pilz, der von innen eingesetzt wird.

Schaden Reparatur möglich? Grund
Stich in der Lauffläche, bis 6 mm ja, mit Kombireparaturkörper von innen Richtlinie B 3620
Stich oder Riss in der Lauffläche über 6 mm nein Schaden zu groß
Schaden in Flanke oder Schulter nie Flanke walkt ständig, jede Reparatur hält dort nicht
Beule nein Cordfäden gerissen
Reifen mit Dichtmittel behandelt nein Richtlinie, ADAC
Alterungsrisse nein Gummi spröde

Die Reparatur kostet 20 bis 50 Euro, dazu kommen 15 bis 30 Euro für Aus- und Einbau mit Wuchten. So läuft es richtig ab: Der Monteur nimmt den Reifen von der Felge, prüft die Innenseite auf Walkschäden und schleift die Stelle an. Erst dann kommt der Pilz. Einen Reifen nur von außen zu stopfen ist keine fachgerechte Reparatur.

Bei einem gesunden Reifen mit gutem Profil halten wir die Reparatur für vernünftig. Ist der Reifen aber schon sechs Jahre alt und hat nur noch 3 mm, kaufen wir lieber neu. Dann steckt das Geld besser in einem Satz, der bei Regen etwas aushält, und nicht in einem Reifen, den du ohnehin bald ersetzt.

Reifenschaden erkennen nach Bordstein und Schlagloch

Nach einem harten Bordsteinkontakt kann die Außenseite des Reifens unversehrt wirken, während die Karkasse innen gebrochen ist. Gerade bei Reifen mit niedriger Flanke, wie sie auf 18- und 19-Zoll-Felgen sitzen, ist der Puffer klein. Sieh dir nach jedem Schlag den Reifen innen und außen an und achte auf das Lenkgefühl. Zieht das Auto danach zu einer Seite, lass Spur und Sturz in der Werkstatt messen. Schau nach einigen Tagen noch einmal nach, denn eine Beule kommt oft zeitversetzt.

Gelegentlich hat auch die Felge etwas abbekommen, ein Grat oder eine Delle, die schleichend Luft ablässt. Wie das aussieht, steht bei Reifen verliert Luft. Versicherungstechnisch ist die Lage unerfreulich. Nach den üblichen Bedingungen zahlt die Kasko reine Reifenschäden meist nicht, die Vollkasko springt in der Regel nur ein, wenn bei demselben Ereignis auch andere Teile am Auto kaputtgehen. Die Beweislast liegt beim Versicherten, und deine Police verrät dir mehr als jede Faustregel.

Fotos: dein Beweis für Werkstatt und Versicherung

Fotografiere den Schaden, bevor du in die Werkstatt fährst. Mach ein Foto der Schadstelle aus der Nähe, eines aus einem Meter Abstand und eines von der DOT-Nummer. Halte außerdem fest, wo der Schaden entstanden sein dürfte, etwa an der Bordsteinkante in der Hauptstraße oder am Schlagloch auf der Landstraße.

Schick die Bilder vorab per Messenger an den Betrieb, zusammen mit Reifengröße und DOT-Nummer. Dann kann die Werkstatt den passenden Reifen bestellen und sagt dir am Telefon ehrlicher, ob eine Reparatur überhaupt in Frage kommt. Gute Werkstätten fotografieren die Innenseite, sobald der Reifen von der Felge ist. Lass dir das Bild zeigen oder in den Auftrag legen. Es belegt, ob wirklich ein Cordbruch vorlag, und hilft dir bei der Versicherung und bei einem späteren Streit über die Ursache. Wer einen Reifen ohne Bild entsorgen lässt, hat danach nur noch seine Erinnerung, und die zählt bei einer Reklamation wenig.

Weitere Warnzeichen und Ratgeber zu Defekten sammelt die Rubrik Reifenprobleme.

Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Richtlinie für die Instandsetzung von Luftreifen (Bundesverkehrsblatt B 3620)
  • Continental Reifenwissen: Reifenschäden
  • ADAC: Reifendichtmittel und Reifenpannensets (31.7.2025)
  • TÜV-Report: häufigste Mängel bei der Hauptuntersuchung