Laufrichtungdas Reifenmagazin

Aquaplaning

Aquaplaning ist der Moment, in dem Lenkrad und Bremse nichts mehr ausrichten, weil die Reifen auf einem Wasserkeil schwimmen. Wir erklären die Physik dahinter, nennen Messwerte zu Tempo und Profiltiefe und sagen dir, was du in den zwei Sekunden danach tust.

Von Lena Brandt, fachlich geprüft von Tobias Rehm. Stand Oktober 2026.

Aquaplaning

Tobias Rehm erinnert sich an einen Kunden mit Golf Variant, der an einem Regentag im Mai auf der A9 bei Schkeuditz mit 110 durch eine Senke fuhr und Aquaplaning erlebte. Das Lenkrad wurde leicht, das Heck wanderte nach links. Der Mann fing den Wagen ab, ohne Blechschaden, aber mit zitternden Knien. In der Werkstatt maß Tobias das Profil: vorn 5,2 mm, hinten 2,9 mm. Der Kunde hatte die frischen Reifen vorn montieren lassen, weil dort der Motor sitzt. Genau andersherum hätte der Wagen stabiler gelegen.

Dein Auto steht auf vier Flächen, jede etwa so groß wie eine Postkarte. Bei Regen müssen diese Reifen das Wasser unter sich wegschaufeln, und sie schaffen das nur bis zu einer Grenze. Wo die liegt, entscheiden Tempo, Wassertiefe, Profil, Breite und Luftdruck gemeinsam.

Aquaplaning: Was zwischen Reifen und Straße passiert

Aquaplaning entsteht, wenn der Reifen das Wasser auf der Fahrbahn nicht mehr verdrängen kann. Ein Wasserkeil schiebt sich unter die Lauffläche, der Kontakt zur Straße reißt ab, und das Auto schwimmt auf. Lenken und Bremsen bleiben dann ohne Wirkung, bis die Reifen wieder Grip haben.

Die Profilrillen sind Abflusskanäle. Die Längsrillen leiten das Wasser nach hinten, die Querrillen und Lamellen drücken es zur Seite aus der Aufstandsfläche. Das funktioniert, solange der Reifen mehr Wasser wegschaffen kann, als vor ihm ankommt. Der Staudruck des Wassers wächst aber mit dem Quadrat des Tempos: doppelt so schnell, vierfacher Druck. Irgendwann hebt er die Lauffläche an.

Am häufigsten passiert das dort, wo das Wasser nicht abfließen kann: in Senken, Unterführungen, ausgefahrenen Spurrinnen und in Kurven. Auf der rechten Autobahnspur rollst du bei Regen oft genau durch die Rinnen, die schwere Lkw in den Belag gedrückt haben.

Tempo: Wann ein Auto aufschwimmt

Im ADAC-Test schwimmen neue Reifen mit rund 8 mm Profil bei 7 mm Wassertiefe ab etwa 75 bis 85 km/h auf. Schmale neue Reifen mit 155 mm Breite halten mehr als 90 km/h durch. Nach Starkregen steht das Wasser oft höher als die getesteten 7 mm, dann sinkt die Grenze weiter.

Messwert Wert Quelle
Aufschwimmen, Reifen mit rund 8 mm Profil, 7 mm Wasser etwa 75 bis 85 km/h ADAC
Aufschwimmen, schmaler neuer Reifen (155 mm), gleiche Bedingungen über 90 km/h ADAC
Risiko deutlich erhöht ab etwa 80 km/h ADAC
Empfohlenes Tempo bei schwierigen Bedingungen deutlich unter 80 km/h ADAC
Mindestprofiltiefe 1,6 mm § 36 StVZO
Ersatz empfohlen 3 mm Sommer, 4 mm Winter ADAC

Für uns ist das eine klare Ansage: Bei Starkregen sind 80 km/h die Obergrenze, auch wenn hinter dir einer drängelt. Mit Hinterradantrieb oder abgefahrenen Reifen gehst du noch darunter. Die Tachonadel auf 130 zu halten, nur weil die Richtgeschwindigkeit es hergibt, ist bei Wasser auf der Fahrbahn keine Option.

Profiltiefe: Was die Rillen leisten, solange sie tief sind

Gesetzlich reichen 1,6 mm Profiltiefe am gesamten Umfang (§ 36 StVZO), wer darunter fährt, riskiert mindestens 60 Euro und einen Punkt in Flensburg. Was das konkret kostet, rechnet dir der Bußgeldrechner vor. Mit Aquaplaning-Schutz hat die Grenze aber wenig zu tun. ADAC und Continental raten, Sommerreifen ab 3 mm und Winterreifen ab 4 mm zu ersetzen. Continental beobachtet, dass die Nassleistung bis etwa 4 bis 5 mm moderat sinkt, ab etwa 3 mm überproportional und unter 2 mm regelrecht einbricht.

„Zwischen 1,6 und 3 Millimetern liegt die Grauzone. Ich stempele den Wagen ab, weil es erlaubt ist, aber bei Regen auf der Autobahn würde ich mit so einem Reifen nicht losfahren.“

Katrin Vogt, Prüfingenieurin bei einer Leipziger Prüfstelle (Name von der Redaktion geändert)

Messen kannst du das mit einem Profiltiefenmesser oder an den Verschleißanzeigern (TWI) in den Hauptrillen. Mehr als die Messung zählt, wohin die frischen Reifen kommen. Tobias rät, die Reifen mit dem meisten Profil immer an die Hinterachse zu montieren, egal ob das Auto Front-, Heck- oder Allradantrieb hat. Dann bleibt das Heck stabil, wenn vorn schon Wasser schwimmt. Sein Kunde mit dem Golf hatte es falsch herum gemacht.

Bremsweg auf nasser Fahrbahn: Was der Verschleiß kostet

AUTO BILD hat im Mai 2026 einen Continental PremiumContact 7 auf einem VW ID.3 (215/55 R18) bei Nässe getestet, einmal neu mit etwa 7,5 mm und einmal bis auf 1,6 mm abgefahren. Die Zahlen zeigen, warum der Mindestwert nur ein Rechtsmaß ist.

Ausgangstempo Bremsweg neu (ca. 7,5 mm) Bremsweg 1,6 mm Tempo des abgefahrenen Reifens dort, wo der neue steht
80 km/h 26 m 37,5 m 44 km/h
100 km/h 40 m 77,5 m 70 km/h

Bei 100 km/h rollt der abgefahrene Reifen also noch mit 70 km/h weiter, wo der neue längst steht. Die DEKRA fand 2022 am Lausitzring bei 2 bis 3 mm Restprofil immerhin 16 bis 18 Prozent längere Nassbremswege.

Rechne den Reaktionsweg dazu. Bei 100 km/h legt dein Auto 28 Meter pro Sekunde zurück, mit einer Sekunde Reaktionszeit sind das für den abgefahrenen Reifen gut 105 Meter bis zum Stillstand, für den neuen etwa 68. Wir halten bei Regen deshalb vier Sekunden Abstand, bei 100 km/h rund 110 Meter. Probier selbst aus, wie sich dein Tempo und dein Profil auf die Strecke auswirken:

Bremsweg nach Profiltiefe

Modellrechnung für eine Vollbremsung: trockene Straße gegen nasse Straße bei deinem Tempo und deinem Profil.

Das Label hilft dir hier nur begrenzt. Die Nasshaftung im EU-Label (Klassen A bis E) misst die Bremsleistung auf nasser Fahrbahn, nicht die Neigung zum Aufschwimmen. Ein A-Reifen mit leeren Rillen schwimmt genauso auf wie jeder andere.

Reifenbreite und Luftdruck: Breit schwimmt früher

Je breiter der Reifen, desto weiter muss das Wasser zur Seite fließen. Nach den ADAC-Messungen liegt die Aufschwimmgeschwindigkeit breiter Reifen deshalb niedriger als bei schmalen. Ein 155er hält länger durch als ein 225er, und ein SUV auf 255/50 R19 schwimmt früher auf als ein Kleinwagen. Die Reifenbreite steht als erste Zahl auf der Flanke, bei 255/50 R19 sind das 255 Millimeter. Wer ohnehin neue Reifen für einen SUV sucht, findet bei SUV Reifen die passenden Größen und Lastindizes.

Auch der Luftdruck wirkt mit. Zu wenig Druck lässt den Reifen leichter aufschwimmen, zu viel verringert die Aufstandsfläche und verschlechtert den Wasserabzug ebenfalls. Prüf ihn deshalb monatlich. Ein schleichender Verlust fällt oft erst auf, wenn es regnet und das Auto plötzlich schwammig reagiert. Wie du die Leckstelle findest, steht bei Reifen verliert Luft.

Aquaplaning erkennen und richtig reagieren

Merkst du Aquaplaning, nimmst du den Fuß vom Gas, hältst das Lenkrad gerade und bremst nicht. Kuppel aus, wenn du kannst, und lass das Auto rollen, bis die Reifen wieder greifen. Bei Automatik schaltest du nicht, sondern gehst sanft vom Gas, damit der Motor nicht bremst.

Die Zeichen sind ziemlich eindeutig. Das Lenkrad fühlt sich plötzlich leicht an, das Auto reagiert nicht mehr auf kleine Lenkbewegungen, und bei Frontantrieb schnellt die Drehzahl hoch, obwohl du nicht beschleunigt hast. Dann hilft kein ABS und kein ESP, denn beide brauchen Grip, den es gerade nicht gibt. Was du in diesem Moment am Lenkrad oder Pedal tust, kommt erst an, wenn die Reifen wieder greifen, und dann mit einem Ruck.

Eine Pfütze, die du nicht umfahren kannst, nimmst du gerade und langsam. Das Tempo nimmst du davor raus, nicht erst im Wasser, denn mitten in der Pfütze bremsen heißt, den Reifen in genau dem Moment zu belasten, in dem er am wenigsten Halt hat.

Nach einem Rutscher lohnt ein Blick auf die Reifen, vor allem wenn du den Bordstein oder die Leitplanke gestreift hast. Wie du Beulen, Risse und Schnitte erkennst, steht bei Reifenschaden erkennen. Alle weiteren Warnzeichen sammelt die Rubrik Reifenprobleme.

Quellen und Rechtsgrundlagen

  • ADAC: Aquaplaning, so verhältst du dich richtig
  • AUTO BILD: Nassbremstest mit Continental PremiumContact 7 (13.5.2026)
  • DEKRA-Reifentest am Lausitzring (AUTOHAUS, 18.10.2022)
  • § 36 StVZO (Mindestprofiltiefe 1,6 mm)